Lars muss richten, was Heiner nicht geschafft hat

Lars Kornetka bei seiner ersten Pressekonferenz in Braunschweig
Lars Kornetka bei seiner ersten Pressekonferenz in Braunschweig

Fußball-Zweitligist Eintracht Braunschweig präsentiert für den Schlussspurt in der 2. Liga.Saison 2025/26 mit Lars Kornetka einen neuen Trainer

Von Thomas Schnelle

Es ist nicht fünf nach zwölf. Es ist fünf vor zwölf. Wer auf die Rückrunde von Eintracht Braunschweig schaut, sieht keinen Betriebsunfall, sondern ein Alarmzeichen: Platz 17 in der Rückrundentabelle, acht erzielte Tore, 14 kassierte Gegentreffer, nur sechs Punkte. Das ist nicht einfach eine Schwächephase. Das ist Abstiegskampf in Reinform.

An der Hamburger Straße hat man deshalb die Reißleine gezogen. Cheftrainer Heiner Backhaus ist raus, Lars Kornetka ist drin. So weit, so folgerichtig. Denn unter Backhaus war zuletzt vor allem eines zu erkennen: zu wenig Entwicklung, zu wenig Stabilität, zu wenig Ertrag. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, warum Eintracht reagiert hat. Die Frage lautet: Warum erst jetzt?

Denn auch das gehört zur Wahrheit: Trainer fallen selten vom Himmel. Wenn ein Klub über Wochen keinen Fortschritt erkennt, dann ist das nicht nur ein Problem des Mannes an der Seitenlinie. Dann ist das auch ein Thema für jene, die ihn geholt, gestützt und bis zuletzt verteidigt haben.

Auch Kessel trägt Verantwortung

Benny Kessel hat nun also Lars Kornetka geholt. Der Name mag nicht jeden Fan elektrisieren. Das muss er auch nicht. In Braunschweig braucht es keinen Popstar an der Linie, keinen Dauerbrenner fürs Mikrofon und keinen nächsten Lautsprecher. Die Eintracht braucht jetzt vor allem einen Trainer, der Ordnung in ein Spiel bringt, das zuletzt oft wirkte wie ein wackeliger Bauzaun im Sturm: laut klappernd, aber kaum belastbar.

Manager Benny Kessel stellt den neuen Trainer bei einer Pressekonferenz vor.
Manager Benny Kessel stellt den neuen Trainer bei einer Pressekonferenz vor.                  Fotos: Thomas Schnelle/Rundschau

Kornetka ist das Gegenteil des extrovertierten Backhaus. Ruhiger, analytischer, kontrollierter, sachlicher. Das kann in dieser Situation ein Vorteil sein. Als Co-Trainer der österreichischen Nationalmannschaft sind das erforderliche Kompetenzen. Erst recht, wenn der Headcoach Ralf Rangnick heißt. Und Kornetka hat auch unter Guardiola beim FC Bayern gearbeitet. Da ist die erste Cheftrainer-Station nur folgerichtig.

Auf jeden Fall ist Kornetka strukturiert und völlig anders als Backhaus. Hier der emotionale Antreiber, dort der strukturierte Taktiker. Das wirft schon die Frage auf, nach welchen Kriterien die Eintracht ihre Trainer auswählt. Nach Überzeugung? Nach Lage der Dinge? Oder nach dem Prinzip Hoffnung?

Das klingt nach Fußball

Immerhin: In seiner ersten Pressekonferenz hat Kornetka nicht den Eindruck erweckt, als wolle er den Abstieg mit Kalendersprüchen verhindern. Er sprach von Gegenpressing, von Abständen, von Kompaktheit, von Ordnung gegen den Ball. Das klingt erst einmal nach Fußball und nicht nach Folklore.

Trotzdem sollte jetzt niemand so tun, als sei mit dem Trainerwechsel bereits ein halber Klassenerhalt eingetütet. Kornetka hat keine Vorbereitung, keine Transferperiode und kein halbes Jahr Zeit. Er hat im Grunde nur ein paar Tage, um an einer Mannschaft zu arbeiten, die zuletzt etwas verunsichert und offensiv erschreckend ungefährlich wirkte. Was kann ein neuer Trainer in zwei oder drei Tagen verändern? Keine Wunder. Aber vielleicht Haltung, Konzentration und Klarheit. Und manchmal ist genau das im Abstiegskampf schon viel.

Fortuna Düsseldorf kommt

Die erste Bewährungsprobe lässt nicht auf sich warten. Am Samstag um 13 Uhr kommt Fortuna Düsseldorf an die Hamburger Straße. Ein Gegner, der fünf Punkte mehr auf dem Konto hat, aber ebenfalls nicht vor Selbstvertrauen strotzt. Düsseldorf ist die Mannschaft mit den wenigsten erzielten Toren in der Zweiten Liga und klagt aktuell über zahlreiche Verletzte. Das allein zeigt, dass auch dieser Gegner keineswegs als Übermacht anreist. Für Eintracht ist das die Chance, sofort ein Signal zu senden und sich bestens für das so wichtige Niedersachsenderby eine Woche später vorzubereiten.

Spätestens dann wird sich zeigen, ob der Trainerwechsel ein Impuls war oder nur der übliche Reflex eines bedrängten Klubs. Denn eines darf man in Braunschweig bei aller neuen Hoffnung nicht vergessen: Pressekonferenzen retten keine Klasse. Tabellen auch nicht. Es zählen Punkte. Nur Punkte.

Natürlich kann man jetzt stundenlang darüber diskutieren, ob Kornetka die bessere Wahl ist, ob Backhaus früher hätte gehen müssen oder ob der Kader vielleicht doch mehr kann, als er zuletzt gezeigt hat. All das ist legitim. Aber am Ende bleibt die Lage brutal einfach. Die Eintracht steht unten, weil sie unten gespielt hat. Nicht wegen Pech. Nicht wegen Missverständnissen. Nicht wegen mangelnder Romantik. Sondern weil sie über weite Strecken zu wenig Qualität, zu wenig Konsequenz und zu wenig Durchschlagskraft auf den Platz gebracht hat.

Die Fans werden auch gegen Düsseldorf wieder da sein. Laut, treu, leidensfähig. Wie immer. Aber auch für sie gilt: Romantik ist schön, Realität ist wichtiger. Ein voller Löwenkäfig allein schießt keine Tore. Die Mannschaft muss liefern. Nicht irgendwann. Jetzt.

Lars Kornetka bekommt seine Chance. Mehr erst einmal nicht. Vorschusslorbeeren wären in dieser Lage fehl am Platz. In Braunschweig geht es nicht um Charisma, Auftreten oder schöne Sätze. Es geht ums nackte Überleben in dieser Liga. Wer das verdrängt, hat den Ernst der Lage nicht verstanden.