15 Minuten wie ein Auf-, 75 Minuten wie ein Absteiger

Philip Hofmann vom VfL Bochum
Philip Hofmann vom VfL Bochum

Von Thomas Schnelle

BOCHUM. Es gibt Niederlagen, die schmerzhaft sind, und es gibt Niederlagen, die fassungslos machen. Was Eintracht Braunschweig am Sonntag im Bochumer Ruhrstadion abgeliefert hat, gehört zweifellos in die zweite Kategorie. Nach einem Beginn, der kurzzeitig Hoffnung auf den Klassenerhalt machte, folgte ein kollektiver Offenbarungseid. Am Ende hieß es 1:4 aus Sicht der Löwen – ein Ergebnis, das den Ernst der Lage drastischer nicht widerspiegeln könnte.

Dabei war die Marschroute von Trainer Lars Kornetka zunächst klar erkennbar. Die Eintracht startete „auf dem Gaspedal“. Keine 60 Sekunden waren gespielt, als Mijatovic die erste Großchance vorbereitete und Mehmet Can Aydin aus dem Rückraum abzog – leider zu hoch. In dieser ersten Viertelstunde belagerte der BTSV den Bochumer Sechzehner, wirkte bissig und spielbestimmend. Doch was danach passierte, war ein Rückfall in dunkelste Fußball-Zeiten.

Eiskalte Dusche und defensive Slapstick-Einlagen

Während Braunschweig das Spiel machte, schlug Bochum mit der ersten echten Chance eiskalt zu. In der 13. Minute verlor ausgerechnet Aydin in der letzten Linie den entscheidenden Zweikampf gegen Phillip Hofmann. Dieser behielt die Übersicht, bediente Gerrit Holtmann, und es stand 1:0. Ein Wirkungstreffer, von dem sich die Löwen nie wieder richtig erholten.

Die Defensive, die eigentlich das Fundament im Abstiegskampf sein sollte, präsentierte sich phasenweise als bloßer Begleitschutz. Ob beim 0:2 durch Koji Miyoshi kurz vor der Pause (45.+5) oder beim vorentscheidenden 0:3 durch den eingewechselten Alfa-Ruprecht (68.) – die Zuordnung stimmte hinten und vorne nicht. Besonders bitter: Das Aluminium verhinderte durch Mijatovic (38.) den Ausgleich, doch im Gegenzug ließ man sich durch einfachstes Umschaltspiel der Bochumer überrumpeln.

Gerrit Holtmann
Ex-Löwe Gerrit Holtmann lief den Braunschweigern permanent davon                                                                                                                            Foto: VfL Bochum

 

Kritik an der Seitenlinie: Wo blieben die Impulse?

Die Enttäuschung richtet sich nach diesem Sonntag auch gegen die Bank. Dass Lars Kornetka zur Halbzeit mit der Einwechslung von Tempelmann für den glücklosen Yardimci Einträchtler  reagierte, war folgerichtig. Doch warum wurde nicht konsequenter umgestellt? Spieler wie Mehmet Can Aydin, der immer wieder wegrutschte und defensiv fatale Fehler einbaute, oder Fabio Di Michele Sanchez und Kevin Ehlers wirkten über weite Strecken überfordert. Dass die Wechsel von Bell Bell und Bakhat erst in der 67. Minute erfolgten – unmittelbar vor dem entscheidenden 0:3 – wirkte wie das sprichwörtliche „zu spät kommen“.

Zwar gelang Lino Tempelmann in der 84. Minute noch der Ehrentreffer zum 1:3, doch selbst dieser war eher ein Produkt des Zufalls als einer Drangphase. Das 1:4 per Foulelfmeter durch Hofmann (90.+5) setzte dem Ganzen die Krone auf, nachdem Bell Bell unglücklich weggerutscht war und Marshall zu Boden riss.

Restprogramm: Ein Drahtseilakt über dem Abgrund

Mit dieser Leistung rückt das rettende Ufer in weite Ferne. Wer 75 Minuten lang auftritt wie ein Absteiger, wird am Ende der Saison genau dort landen. Ein Blick auf die kommenden Aufgaben lässt wenig Raum für Träumereien:

  • Hertha BSC (H): Ein Brocken, gegen den Stabilität das A und O sein wird.

  • 1. FC Kaiserslautern (A): Ein direktes Duell am Betzenberg, das Nerven aus Stahl erfordert.

  • Holstein Kiel (A): Gegen die spielstarken Störche wird es mit dieser Abwehrleistung kaum etwas zu holen geben.

  • Dynamo Dresden (H): Ein Pflichtsieg, wenn man bis dahin nicht schon abgeschlagen ist.

  • FC Schalke 04 (A): Ein Finale in Gelsenkirchen – hoffentlich nicht nur noch für die Statistik.

Fazit: Die Eintracht hat heute gezeigt, dass sie phasenweise mithalten kann (xGoals von 1.29 belegen das), aber in den entscheidenden Momenten die Tauglichkeit für diese Liga vermissen lässt. Wenn Kornetka sein Team nicht schleunigst defensiv stabilisiert und die „individuellen Aussetzer“ minimiert, sind weitere Punkte in dieser Saison reine Utopie.